Felicitas Brucker inszeniert, nein orchestriert einen Abend, den drei famose Schauspielerinnen zum Ereignis machen.

Zur spontanen Identifikation lädt die Protagonistin von »Love me tender« nicht ein. Auch sympathisch ist sie nur bedingt. Ihr Leben als Anwältin, Ehefrau und Mutter hat sie hingeschmissen zugunsten eines Ausbruchs, der alle Bindungen kappt. Auch die an die eigenen Gefühle. Auf neun Quadratmetern parkt sie ihre neue Existenz, dann sind ihr selbst die zu bürgerlich. Als frischgebackene Lesbe ist sie maximal promisk unterwegs, »fickt« sich wahllos durch ihren »Tussenlinienplan«, der nach Alter, Hautfarbe und Übernachtungsmöglichkeit strukturiert ist. Und wenn man Constance Debrés 2021 erschienenen Roman »Love me tender« ohne die Kenntnis seines Vorgängers »Play Boy« liest, versteht man nicht genau, ob dieser kalte, am männlichen Junggesellen orientierte Lebensentwurf die Reaktion auf das Umgangsverbot mit ihrem achtjährigen Sohn ist oder eine der Ursachen dafür.

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»Warum sollte die Liebe zwischen einer Mutter und einem Sohn nicht genau wie jede andere sein? Warum sollten wir uns nicht trennen können? Warum sollten wir nicht aufhören können, einander zu lieben?« Mit diesen Sätzen beginnen das Buch wie der Abend, den Felicitas Brucker an den Münchner Kammerspielen inszeniert. Mit drei fantastischen Schauspielerinnen, die sich – durchaus übliche Praxis für Romanadaptionen – die Rolle der Erzählerin teilen, die wiederum viele biografische und wohl auch charakterliche Details mit der Autorin teilt. Debré ist 1972 in eine berühmte französische Familie hineingeboren – ihr Großvater war Premierminister unter Charles de Gaulle – und hat das Dasein als begüterte Staatsanwältin gegen das einer vogelfreien Schriftstellerin getauscht.

Brucker, die in München zuletzt mit Ibsens »Nora« und Édouard Louis’»Die Freiheit einer Frau« dem bittersüßen Geschmack weiblicher Emanzipation nachspürte, setzt mit »Love me tender« gewissermaßen eine Fortsetzung aus dem Versuchslabor drauf: Debrés Freiheitsexperiment wirkt weder not- noch angst- oder lustgesteuert, sondern wie das Resultat eines eisernen Willens im Verbund mit kalter wissenschaftlicher Neugier darauf, in welche Frau sie sich wohl verwandeln wird.

Love me tender, Jelena Kuljić und Katharina Bach, Foto: Armin Smailovic

Bühnenbildnerin Viva Schudt hat in der Therese-Giehse-Halle drei unterschiedlich dimensionierte Screens auf einer spiegelblanken Fläche verteilt. Auf ihnen sieht man einen Körper ins Wasser eintauchen, Natur- und Stadtbilder oder stilisierte Livevideos von Annette Paulmann, Katharina Bach und Jelena Kuljić (Videodesign: Lion Bischof). Ein rechteckiger Balken aus 20 Neonröhren hängt senkrecht von der Decke und beginnt aufs Stichwort »Anzeige« zu pendeln: Als ihr Ex ihr eine Klage wegen Inzest und Pädophilie anhängt und den kleinen Paul von der Mutter entfremdet, läuft die Zeit für die Mutterliebe ab.

Warum Brucker den Abend mit zwei »Kyrie eleisons« quasireligiös rahmt, erschließt sich nicht. Es klingt allerdings wunderschön und lässt schon in den unterschiedlichen Stimmlagen von Paulmann, Bach und Kuljić mehr Charakterfarben aufscheinen, als sie Debrés literarisches Alter Ego aufweist. Die drei spielen auch alle anderen Figuren und verwandeln sich mithilfe einer Sportjacke abwechselnd in Paul. Die 14-tägigen Treffen mit ihm sagt der Vater regelmäßig zwei Tage vorher ab. Psychoterror Hilfsausdruck! Der Text wirkt durch die Wiederholung dieser Situation vor allem zum Ende hin redundant, die Selbstverwandlung der Protagonistin in einen vom Schwimmtraining auch körperlich gestählten Machokrieger wie eine eigentümliche Form der Gegenwehr. Die Lustlosigkeit, mit der sie ihr neues Leben beschreibt, bestätigt ex negativo doch wieder nur das Bild der Mutter, von dem frau halt nicht loskommt. Damit hat diese Befreiungsgeschichte einen schalen Geschmack. Aber Brucker erzählt sie auch weniger, als sie zu orchestrieren. Das Bühnengeschehen ist mehr denn je bei ihr Komposition. Und die toughen und schnippischen, energievollen und warmen, stimmgewaltigen und choreografisch aufs Existenzielle reduzierten Elemente, die die drei famosen Spielerinnen dazu beitragen, sind reinstes Theaterglück. ||

LOVE ME TENDER
Kammerspiele Therese-Giehse-Halle
17., 19. Februar | 20 Uhr | Tickets: 089 23396600
www.kammerspiele.de

 


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