Der Berlinale-Film „Where To?“ des israelischen Regisseurs Assaf Machnes ist eine wohltuende Antwort auf eine überhitzte Debatte, in der kaum jemand mehr zu- und hinhören will.
Jährlich grüßt das Murmeltier. Davon zeugt die Berlinale auf unangenehme Art. Seit drei Jahren schon ereilt das Festival in erwartbarer Regelmäßigkeit ein Shitstorm entrüsteter Teilzeit-Social-Media-Aktivisten. Der Anlass ist jedes Mal der gleiche: der Nahostkonflikt. Dieses Jahr kam der globale Sturm der Empörungswütigen, bevor das Festival überhaupt offiziell angefangen hat. Anlass war eine Äußerung des diesjährigen Jurypräsidenten Wim Wender über das Verhältnis von Kunst und Politik.
Die vorliegende Causa ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie sich Menschen bewusst für die Empörung und gegen die Debatte und das Zuhören entscheiden. Würde man sich nur die Zeit nehmen (die sich kaum mehr jemand nimmt) und versuchen, Wim Wenders Äußerung zu verstehen, käme man zu dem Schluss, dass er sich zwar unglücklich ausgedrückte, aber in der Sache recht hat. Filme sind nie nicht politisch. Sie erzählen in ihrer formal-ästhetischen und inhaltlichen Ausrichtung immer auch etwas über die Gesellschaft bzw. über die „Tiefenschichten der Kollektivmentalität“ wie es der Philosoph und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer so präzise formuliert. Egal, ob Arthouse-Kino oder Mainstream-Unterhaltung. Insofern kann man Wenders überall zitierte Aussage „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten“ missverständlich sein. Der zweite Teil seiner Äußerung ist jedoch entscheidend: „Denn wenn wir Filme machen, die rein politisch sind, treten wir in die Politik ein. Aber wir sind das Gegengewicht zur Politik. Wir sind das Gegenteil der Politik. Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die der Politiker.“
Filme, darauf wollte er in seinen knappen Sätzen hinaus, sollen nicht die Rolle von Politiker:innen übernehmen und auf der Ebene der Realpolitik agitieren. Diese Haltung ist konsequent und wohltuend angesichts der Tatsache, dass immer öfter von Künstler:innen ein Statement zu diesem oder jenen politischen Konflikt erwartet wird. Oder gleich ein Bekenntniszwang eingefordert wird, worauf die provokative Frage des Youtubers Thilo Jung während der Pressekonferenz der Berlinale abzielte.
„Eine leichte Spannung liegt in der Luft. Aber der Film vermeidet es, das allzu Erwartbare zu zeigen.“
Ein hervorragendes Beispiel für ein Gegengewicht zur Politik, wie Wenders Filme versteht, ist der deutsch-israelische Beitrag „Where To?“von Assaf Machnes, der in der Perspectives, der Sektion für Debütfilme auf der Berlinale, läuft. Der Film ist eine treffende Antwort auf diese unsägliche Debatte. Die Idee des Films ist dabei bestechend einfach: Ein Israeli und ein Palästinenser sitzen in einem Taxi und unterhalten sich. Nicht über das Unrecht und Leid, das so sehr mit dem Nahost verbunden ist. Sondern über sehr universelle, sehr menschliche Themen. Es ist ein langsames Herantasten zweier Menschen, die sich einfach sympathisch finden.

Amir (Ido Taka) und Hassan (Ehab Salami) eint mehr, als sie trennt © Maayne Bouhnik
Einer von beiden ist der 55-jährige palästinensische Taxi-Fahrer Hassen, der in den Berliner Nächten Feierwütige von der einen Party zur nächsten fährt. Während einer dieser Nächte steigt der 25-jährige Amir in sein Auto. Amir ist schwul und Israeli. Die beiden beginnen ein Gespräch. Amir versucht es mit ein paar Worten Arabisch, bevor sie sich mit gebrochenem Englisch unterhalten. Schnell geht es um die Herkunft beider. Amir stammt aus Galiläa, seine Eltern sind rumänischer und irakischer Herkunft. Hassan wuchs im Flüchtlingscamp Jenin auf, nachdem seine Vorfahren nach dem ersten arabisch-israelischen Krieg 1948 aus Galiläa vertrieben wurden. Amir ist neugierig und fragt Hassen, warum er eines Tages zurück nach Palästina möchte. Hassan antwortet, es stünde Amir nicht zu, ihn so etwas zu fragen. Eine leichte Spannung liegt in der Luft. Aber der Film vermeidet es, das allzu Erwartbare zu zeigen. Es entbrennt keine Diskussion, kein Streit zwischen beiden. Eine höflich-respektvolle Distanz bleibt gewahrt.
Einige Monate später steigt Amir erneut zufällig in Hassans Taxi. Er hat Liebeskummer nach dem Ende seiner Beziehung. Wieder ist Amir neugierig. Er fragt Hassan, ob er jemals verliebt gewesen sei. Die Kamera ist dabei statisch vor dem Lenkrad verankert. Hinten sitzt Amir, vorne blickt man in Hassans Gesicht, das erkennen lässt, dass diese Frage irgendetwas zwischen Trauer und Sehnsucht in ihm ausgelöst hat. Etwas, das mit dem Grund seines Fortgangs aus seiner Heimat zu tun hat.
Über insgesamt zwei Jahre setzen die beiden diese nächtlichen Fahrten fort. Amir wischt in der Taxi-App so lange Fahrer zur Seite, bis ihm Hassans Name angezeigt wird. Wie bei einer Dating-App, scherzt er. Mittlerweile ist er in einer heterosexuellen Beziehung – um seinen Ex-Freund eifersüchtig zu machen. Hassan kämpft derweil mit seinen konservativen Überzeugen und Ressentiments. Zu seiner Tochter hat er keinen Kontakt mehr, da sie mit einem Deutschen zusammen ist. Auch die Sympathie zu Amir arbeitet in ihm. „Ich mag dich, Amir. Aber das ist ein Problem für mich“, sagt er einmal.
„Where To?“ spielt fast ausnahmslos im Auto. Dass dieses starre Setting so gut funktioniert, liegt nicht nur an der nuancierten Dialogführung, sondern auch an den beiden Darstellern Ehab Salami und Ido Tako. Mit großer Zurückhaltung und Reduktion spielen sie ihre Figuren. Vor allem Ehab Salami braucht nur den Blick seiner dunklen Knopfaugen, um viel von Hassans Innenleben zu erzählen.
Der Verlauf der Fahrten und Monate bis ins Jahr 2023 hinein lässt erahnen, auf welches Datum sich der Film zubewegt. Doch auch hier ist es wieder die kluge Zurückhaltung des Films, der sich einer dramaturgischen Entladung verweigert. Man könnte dem Film vorwerfen, er scheue sich vor den heiklen Themen, die er nur anschneidet. Doch „Where To?“ will kein filmischer Debattenbeitrag über den Nahostkonflikt sein. Der Film erzählt von zwei Menschen, die sich trotz aller Unterschiede und äußeren Widerständen letztlich näher sind, als sie dachten. Er erzählt schlicht von zwei Menschen, die sich zuhören. Etwas, das unserer Gegenwart immer mehr abhandenkommt. ||
WHERE TO?
Israel, Deutschland 2026 | Buch & Regie: Assaf Machnes | Mit: Ehab Salami, Ido Tako, Milan Peschel, Rama Nasrallah, Raheeq Haj Yahia-Suleiman | 95 Minuten | Der Film läuft in der Sektion „Perspectives“ der Berlinale.
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