Die Autorin, Regisseurin und Produzentin Alina Cyranek widmet sich in »Fassaden« Frauen, die meist unsichtbar bleiben: Opfer manipulativer, gewalttätiger Beziehungen. Ist das, was in der eigenen Wohnung passiert, wirklich Privatsache?
Jede dritte Frau wird laut Statistik mindestens einmal im Leben Opfer von Partnerschaftsgewalt. Alle drei Tage wird eine Frau getötet, täglich kommt es zu einem Mordversuch an einer Frau. Diese Taten finden zumeist hinter verschlossenen Türen statt. Deshalb fällt es leicht, diskret wegzusehen. Seit der Istanbul-Konvention zur „Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ in Deutschland im Jahr 2018 wird Gewalt an Frauen öffentlich deutlicher thematisiert. Jetzt kommt Alina Cyraneks ungewöhnlicher Dokumentarfilm ins Kino.
Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Das muss ums Jahr 2019 gewesen sein. In Deutschland ist die Istanbul Konvention 2018 in Kraft getreten. Und dann gab es, glaube ich, 2019 die ersten Statistiken, weil sie ab dem Zeitpunkt überhaupt erhoben wurden. Da hörte ich zum ersten Mal, dass jede dritte Frau Gewalt in der Beziehung erlebt und fand das total schockierend. Ich dachte: Also vielleicht hast du irgendeine Freundin oder die Freundin von der Freundin, der sowas passiert. Ich hatte einfach keine Antennen dafür, kein Bewusstsein. Aber als ich dann angefangen habe rumzufragen und erzählt habe, was ich so mache und zu welchem Thema ich recherchiere, kamen plötzlich ganz viele Geschichten. Die hohe Zahl der Betroffenen zeigt, dass in unserem gesellschaftlichen System etwas nicht in Ordnung ist. Ich wollte das System dahinter verstehen, das diese Gewalt begünstigt oder klein redet, und zeigen, dass der Schutz immer nur begrenzt stattfindet und dass alles nicht gut ineinandergreift. Der Film ist ein Versuch, sich mit den Betroffenen zu solidarisieren. Zu sagen: Wir sehen dich. Mir war wichtig, von der Emotion dieses Themas wegzukommen und genau hinzuschauen, was eigentlich schiefläuft in der Gesellschaft, dass es zu solchen Situationen kommt.
Wie haben Sie die fünf betroffenen Frauen gefunden?
Ganz unterschiedlich, durch Kontakte zu Beratungsstellen, Interventionsstellen, aber auch in meinem eigenen Umfeld.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den Tanz als dramaturgisches Verbindungselement einzusetzen?
Ich habe früher schon in einigen meiner Kurzfilme mit Tanz gearbeitet. Für mich ist das eine der stärksten Kunstformen. Weil sie so direkt, so physisch ist. Und weil der eigene Körper das Mittel ist. Es ist kein Pinsel, kein Bleistift, keine Kamera. Ich hätte mir nichts Passenderes vorstellen können. Der Tanz kann Hierarchien sehr gut beschreiben, ohne dass man es erklären muss, sondern es direkt als assoziatives Bild begreift. Die Tanzbilder erzählen aus der künstlerischen Distanz viel besser, um was es geht: Ist das noch zärtlich oder schon übergriffig, ist das eine intime Situation oder eine bedrohliche, da bekommen diese vielen Ambivalenzen einen eigenen Raum, in dem das Kopfkino erst so richtig in Gang kommt. Sebastian Weber ist ein sehr erfahrener zeitgenössischer Choreograf, der auch viel mit Body Percussion arbeitet. Ballettszenen wären hier nicht in Frage gekommen, weil Ballett ja immer auch Herrschaftssysteme abbildet. Es geht hier auch nicht um den Traum von der Überwindung der Schwerkraft, sondern um physische Kommunikation.
Der Tanz findet in einer Blackbox statt, die Berichte der Personen – ein Polizist, eine Fachärztin, eine Anwältin, eine Sozialarbeiterin, eine Psychotherapeutin – mit denen die betroffenen Frauen zu tun haben, wurden vor weißem Hintergrund aufgenommen, ohne jegliche Dekoration.
Ich wurde irgendwann gefragt, warum wir nicht in einem eingerichteten Haus gedreht haben. Man hätte das Duett auch in einem Haus oder in einer Wohnung tanzen lassen können. Aber für mich war eigentlich immer klar, dass ich das wegrücken wollte von irgendwelchen Klischees. Die einen sind reich, die anderen sind arm, haben eine kleine Wohnung oder ein großes Haus. Solche Sachen spielen keine Rolle und deswegen sind die Frauen auch nicht zu sehen. Es ist egal, ob sie blond oder dick sind oder einen Migrationshintergrund haben oder einen Dialekt sprechen. Keine der Frauen sollte in den Vordergrund treten. Das klassische Beziehungsmuster ist bei allen dasselbe: Vergötterung, Isolation, Kontrolle, Gewalt, Erpressung, psychischer Druck, Verleumdung, Gewalt, Versöhnung, Eskalation. Das kann auch wiederholt und jahrelang stattfinden, bis die Frau im besten Fall den Absprung schafft.

Die Schauspielerin Sandra Hüller erzählt die Geschichten der Frauen aus dem Off | © Rotzfrech Cinema
Ihr Film hat eine sehr klare Struktur. War das von Anfang an so angelegt oder ist das im Lauf der Arbeit entstanden?
Das war wirklich von Anfang an so geplant. Die Häuserfassaden kamen relativ spät, auch wenn sie dem Film den Namen gegeben haben. Am Anfang unserer Arbeit waren sie da, dann kamen sie raus, und am Ende kamen sie wieder dazu.
Es ist ja bekannt, wie manipulativ Choreografen oder Regisseure oder Regisseurinnen manchmal arbeiten. Dadurch gewinnt der Film eine zusätzliche Facette, die mich überrascht hat. Diese künstlerische Perspektive, sich diesem schwierigen Thema anzunähern, finde ich ungewöhnlich. Auch die animierten Risse in den Tanzsequenzen.
Da wurde mit Papier gearbeitet, ganz analog und sehr haptisch, wie überhaupt in dem ganzen Film. Auch im Sounddesign ist alles handgemacht, die Geräusche und auch die Musik. Da kommt nichts aus der Dose. Das hat man auch nicht komplett unter Kontrolle. Und das wiederum entspricht der Geschichte der Frauen, die Sandra Hüller aus dem Off erzählt. Die Frauen selbst treten nie in Erscheinung. Und es ist auch nicht offensichtlich, welche Geschichte zu welcher Frau gehört. Sie fließen ineinander, so wie die Wahrnehmung ihrer Realitäten zunehmend verschwimmt.
Wie lange haben Sie an dem Film gearbeitet?
Insgesamt waren es etwa sechs Jahre. Es kam die Corona dazwischen, und dann gab es die lange Recherche mit den betroffenen Frauen und den Fachleuten. Es war eine lange Strecke, aber es tut so einem Projekt auch gut, wenn man den Stoff mal ruhen lassen kann und nichts überstürzt.
Der Film schaut hin, wo man gern wegschaut. Wie wollen Sie das Publikum erreichen?
Wir versuchen, die Netzwerke und Kooperationspartner mit an Bord zu holen. Also Menschen zu erreichen, die mit den Themen beruflich zu tun haben. Ich hoffe natürlich auch, dass das Thema durch diese filmische Form, die für das Kino gemacht ist, eine andere Wertigkeit erlangt. Bei der Statistik muss eigentlich jeder eine Betroffene kennen. Ich hatte auch mal eine Zuschauerin, die sagte, dass der Film für sie so eine Art Exitstrategie ist, wie eine Handreichung, was man tun kann, wenn man in so eine Situation kommt. Und dass er für sie so ein Augenöffner war. Wenn wir das erreichen, hat sich der Aufwand schon gelohnt.||
FASSADEN
Deutschland 2025 | Regie: Alina Cyranek
Stimme: Sandra Hüller | Choreografie: Sebastian
Weber | Tanz: Gesa Volland, Damian Gmür
87 Minuten | Kinostart: 12. Februar
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