Bildende Kunst |

MF Nr. 08 | 2012

Lärm und Stille, Licht und Schatten

 

DAVID STEINITZ

 

Wie eine Kathedrale im Schuhkarton: Die großen Zeiten des Kinos beschwören Janet Cardiff und George Bures Miller in ihrer Arbeit »The Paradise Institute« (2001), die nun neben sieben anderen Installationen des kanadischen Künstlerpaars im Haus der Kunst zu sehen ist: Zwei Sitzreihen in einem kleinen Holzkasten sind für die Besucher installiert und lassen sie nicht nur auf eine Leinwand blicken, sondern auch auf die Miniatur eines Filmpalastes der goldenen Kinoära, die in den Sechzigerjahren mit dem Siegeszug des Fernsehens zu Ende ging. Man sitzt in einem winzigen Kino, blickt auf ein riesiges Kino und sieht einen Film, ein kurzes, skurriles Horror-Movie, bekommt von Cardiff und Miller via Kopfhörer aber nicht nur die Filmtonspur serviert, sondern auch das Mäntelrascheln, das Popcornkauen, das Pärchengeflüster der Filmpalast-Zuschauer. Der Leinwand als Rahmen, als Fenster, als Spiegel – oder welche Ideologie man auch immer in sie hineinschreiben mag – wird so eine zweite Geschichte hinzugefügt, zwischen beiden Erzählebenen schubsen die Soundeffekte den Besucher hin und her.

 

Diese Installation fasst sehr treffend das Grundthema von zwei Ausstellungen zusammen, die derzeit im Haus der Kunst zu sehen sind und die beide aus Leihgaben der Sammlung Goetz bestehen. Parallel zu den Werken von Cardiff und Miller läuft im Luftschutzraum unter dem Museum »Klang und Stille. Synästhetische Aspekte von Film und Video«, eine Folge aus der Reihe von Ausstellungspräsentationen der exzeptionellen Video-Bestandes der Münchner Sammlerin Ingvild Goetz.

 

Beide Ausstellungen stellen die Frage nach dem Zusammenspiel der verschiedenen Elemente des Films, zwischen Bild und Ton, Lärm und Stille, Licht und Schatten. Und beide Präsentationen stellen die Frage nach dem Wo des Films – wohin mag er wohl gehören? »The Paradise Institute« stellt diese Frage fast ein bisschen zynisch, schließlich war das Ende der fetten Kinojahre, mit monumentalen Filmtheatern wie dem legendären Roxy in New York, das über 6000 Zuschauer fassen konnte, der Beginn der Fernseh- und VHS-Ära – und damit auch ein Durchbruch für die Videokunst. Diese Videokunst ist dann auch der Kern der Cardiff/Miller-Ausstellung – selbst wenn gar kein Filmmaterial verwendet wird. In »Cabin Fever« (2004) blickt der Besucher in einen Guckkasten, in dem auf Augenhöhe eine finstre Waldlandschaft und ein Blockhaus mit erleuchteten Fenstern zu sehen sind und die Tonspur – wieder über Kopfhörer – mit Laubrascheln und Fußtritten in dieser starren Kulisse bewegte, wilde Bilder entstehen lässt. Eine Hommage an die Jahrmarktattraktionen des auslaufenden 19. Jahrhunderts, die das Kino bereits vor seiner Erfindung zu antizipieren versuchten.

 

Etwas ausgelagert finden sich neben diesen Arbeiten zum Film und seinen Zuschauern noch zwei mehr auf den Klang abzielende Installationen: »Feedback« (2004) feiert die Sexyness eines Marshall-Verstärkers und »The Killing Machine« (2007), ein monströses Teil, ist inspiriert durch Kafkas »Strafkolonie«: Zwei Roboterarme traktieren ein imaginäres Opfer auf einem Zahnarztstuhl, darüber leuchtet stoisch und gnadenlos eine Discokugel.

 

Unter der Erde, in der Ausstellung »Klang & Stille«, sind es Videowerke verschiedener anderer Künstler aus der Sammlung Goetz, die in das ungeschützte Ohr dringen. Der Luftschutzbunker erinnert zunächst ein wenig an ein Gefängnis: ein langer Gang, beidseitig kleine Zellenräume. Die nächste Assoziation – in jedem dieser Räume wird eine Videoinstallation gezeigt – lässt an die Schachtelkinos der Achtzigerjahre denken, die panische Reaktion der Filmbranche auf das VHS-Zeitalter.

 

Die insgesamt 14 Installationen (das letzte Räumchen mit dem WC-Schild ist tatsächlich nur eine Toilette, auch wenn man hier spontan anderes vermuten mag) reflektieren sehr unterschiedlich das Wechselspiel von Bildern und Tönen, die Macht des Lärms und der Stille, spielen mit Geräuschen oder Musikeinspielungen, mal digital, mal auf traditionellem 16- oder 35mm-Material. Und die eindrucksvollsten unter ihnen spielen wie bei Cardiff und Miller mit dem Mythos des Kinos, seiner Eleganz, seiner träumerischen Selbstvergessenheit.

 

»Sound Mirrors« (1999) von Tacita Dean zeigt den Filmprojektor als Teil des projizierten Films. Zu sehen sind Betonkolosse, britische Militäranlagen aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Monströs stehen sie in der Landschaft, Zeugen des menschlichen Unbehagens in seiner durchtechnisierten Kultur, das Sigmund Freud seinerzeit attestiert hatte. Die Motorengeräusche des Films konkurrieren mit dem Rattern des Filmmaterials durch den 16mm-Projektor, der, anders als im Kino, nicht in einem Vorführraum isoliert wird, sondern Teil der Installation ist. Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Maschinen geworden, militärisch und künstlerisch, atemberaubend im positiven wie im negativen Sinn.

 

Auch Christian Marclay spielt in »Telephones« (1995) mit der Technik. Er hat aus dem Kanon der Filmgeschichte Telefonszenen heraus- und neu zusammengeschnitten: ein Soundsalat moderner Kommunikation, tausend Arten einen Hörer abzunehmen, »Hello« zu sagen, aufzulegen, eine lange Melodie des Klingelns und des Knackens, eine Kulturgeschichte des Telefonierens, mit Humphrey Bogart und Tipi Hedren und, ohne Umschweife, eine Verbeugung vor der bezaubernden Macht des Kinos. ||

 

|| Janet Cardiff & George Bures Miller

Werke aus der Sammlung Goetz | Haus der Kunst | bis 8. Juli | Mo–So 10–20 Uhr, Do 10–22 Uhr | Katalog 35 Euro.

 

|| Klang und Stille. Synästhetische Aspekte von Film und Video. Sammlung Goetz im Haus der Kunst | bis 9. September | Fr–So 10–20 Uhr.