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MF Nr. 09| 2012

Die Nicht-Spezialisten

 

studentendorf oberwiesenfeld | © stauss grillmeier

CHRISTINA HABERLIK

 

Das Münchner Gestaltungsbüro Stauss Grillmeier profiliert sich  mit herausragenden und zugleich dezenten Lösungen – Design als Orientierungswerkzeug.

 

In einer Welt, in der zunehmend alles jung und hip, bunt und cool zu sein hat, ist es – noch dazu in der Designbranche – eine Wohltat, auf ein Büro zu stoßen, das jung ist, hip und cool auch, wenn es sein muss, das aber ansonsten von sich sagt, ein junges Designerbüro der »alten Schule« zu sein. Kilian Stauss und Josef A. Grillmeier gründeten 2008 ihre gemeinsame Firma design stauss grillmeier, nachdem sie sich zuvor als Projektpartner kennengelernt und festgestellt hatten, dass sie sich sowohl gut ergänzten als auch gerne miteinander arbeiten. Sie verstehen sich als gleichberechtigte Partner. Kilian Stauss ist Produktdesigner und seit 2007 Professor für Interior Design in Rosenheim. Josef A. Grillmeier studierte Kommunikationsdesign und ist als Grafikdesigner mit seinem Schwerpunkt Typographie sozusagen der Experte für die zweidimensionale Ebene. Entsprechend fungiert Stauss als Fachmann für dreidimensionale Gestaltungskonzepte.

 

 

Arbeitsfelder für Allrounder

 

Das Büro mit seinen insgesamt fünf Mitarbeitern liegt idyllisch in einem Hinterhof im Lehel. Die Wand des Besprechungszimmers ist über und über mit Arbeiten der Firma ›tapeziert‹ und hier versteht man, wie auch kürzlich in einer Ausstellung der Architekturgalerie zu sehen war, was mit »alter Schule« gemeint ist: »In den letzten beiden Jahrzehnten wurde die Designausbildung immer spezialisierter«, sagt Kilian Stauss, »früher gab es lediglich die Trennung zwischen konstruktiven oder graphischeren Aufgaben – heute gibt es zig Fraktionierungen. Das ist alles irgendwie Unsinn, denn so hoch spezialisierte Ausbildungen sind auf dem Markt überhaupt nicht gefragt, sondern es kommen einfach Leute, die ein Problem haben. Ich kann ja dann nicht sagen, tut mir leid, ich bin dafür zu spezialisiert, sondern wir sagen natürlich: Wir verstehen Ihr Problem und wir können der Dinge Herr werden.« Design ist überall – und ein gewisser Gestaltungswahn, immer schielend nach der optimalen Verkäuflichkeit, gibt dem inflationären Einsatz von Design einen unguten Beigeschmack. Und eben das ist das Sympathische an dieser Designer-Partnerschaft – beide durchaus keine älteren Herren im Übrigen: Stauss ist Jahrgang 1969, Grillmeier wurde 1977 geboren – dass sie sich diesen Design-Moden nicht anpassen, sondern konsequent ihre qualitätvolle, herausragende und meist dezente Arbeit machen.

 

 

Prof. Kilian Stauss und Josef a. Grillmeier | Foto: Robert Brembeck | © stauss grillmeier

Ihr Portfolio reicht »vom Kerzenständer bis zur städtebaulichen Dimension« liest man in dem aufwändig und ansprechend gemachten Buch über die Designer, das bei cherbuliez editions erschienen ist – und tatsächlich: Das Spektrum der Arbeitsfelder ist enorm vielfältig, das Büro arbeitet disziplinübergreifend, erläutert Kilian Stauss: »Wir machen sehr viele Projekte, die man gar nicht so genau Themenfeldern zuordnen kann: Design hat Schnittstellen mit der Architektur, mit der Fotografie, dem Journalismus, der Literatur – mit eigentlich fast jeder Form von kreativer Arbeit. Wir können überlegen, welche Werkzeuge wir aus der Schublade holen, um die jeweiligen Probleme zu lösen. Oft wissen wir am Anfang des Projektes auch noch nicht, ob es ein Entwurf ist, der da fehlt, oder ob es vielleicht eine Strukturierung ist, eine Beratung, oder ob die Kommunikation eher multimedial werden muss oder interaktiv, und in Richtung Websites geht oder in Richtung Print. Wir verstehen uns als ein generalistisches Büro, das schon in vielen Bereichen Erfolg hatte und da aus dem Vollen schöpfen kann.«

 

 

 

So etwas muss man erstmal können: Eine hohe Kompetenz in der Nicht-Spezialisierung ist erforderlich und wird von diesem Büro erbracht. Stauss Grillmeier sind im positiven Sinne Allrounder und die besagte Schauwand im ihrem Büro zeigt Beispiele aus den Arbeitsfeldern Leit- und Orientierungssysteme, Corporate Design, Editorial Design für Bücher, Magazine, Plakate, Postkarten für Veranstaltungen, Programmhefte, Einladungskarten, Produktdesign und Interior Design. Hier fehlen sogar noch Tätigkeitsfelder, die sich nicht ausstellen lassen, wie die Bereiche Consulting und Research – also beratende Funktion für Firmen in Bezug auf deren inhaltliche und gestalterische Kommunikation. All dies gibt die Visitenkarte des Designbüros, zusammengefasst in sieben Sparten, im branchenüblichen Fachenglisch wieder: »communication design, consulting/research, exhibition design, interaction design, interior design, product design, signage design« liest man da. »Ursprünglich stand da nur Design – aber wir haben festgestellt, es war nötig, alle Geschäftsfelder aufzuführen, damit die Leute die Bandbreite verstehen«, ergänzt Grillmeier.

 

Demokratische Orientierung – »Olympia 72 im Wandel«

 

Stauss Grillmeier erhielten 2006 den Auftrag, ein neues Leit- und Orientierungssystem für das Studentendorf auf dem Oberwiesenfeld zu gestalten. Die berühmten Flachbungalows des Architekten Werner Wirsing aus den späten 60er-Jahren dienten 1972 als Wohnstätten für die Sportler. Heute werden die 800 Wohneinheiten vom Studentenwerk verwaltet. Die Betonflachbauten stehen unter Denkmalschutz, konnten jedoch nicht im Bestand saniert werden, mussten abgerissen und originalgetreu wieder aufgebaut werden. Der Charakter des Dorfes ist dabei absolut gewahrt worden.

 

Das kleine autofreie Dorf war und blieb auch nach der Sanierung ein Gassengewirr, in dem sich keiner zurechtfand. Die Aufgabe, wie orientieren sich hier Fußgänger, Besucher oder Einsatzkräfte, galt es also für das Designbüro zu lösen. Dabei ging es darum, designgeschichtlich mit dem Urheber, dem großen Vorbild Otl Aicher, der damals für das olympische Erscheinungsbild zuständig war, quasi in Wettstreit zu treten und die Qualität von damals in die Gegenwart herüberzuretten. Eine riesige Herausforderung für die Designer, denn für die damalige Zeit galt das Gestaltungskonzept als bahnbrechend, »Revolutionär war die konsequente Umsetzung der Aussage ›wir wollen als demokratisch wahrgenommen werden, als weltoffen, als bunt‹ – nicht hierarisch, nicht leistungsorientiert  – deshalb hieß es die ›Spiele‹ und nicht die ›Kämpfe‹«, erläutert Grillmeier.

 

Der Anspruch war demnach, das Gute und Nützliche beizubehalten, aber auch etwas Neues zu schaffen, was den aktuellen Anforderungen genügt. Unter Beibehaltung einer alten Sprache wurde der damalige Entwurf in die Gegenwart transformiert, nicht als Gegenentwurf, sondern innerhalb des alten Systems. »Eine neue Interpretation der Konstanten, die wir historisch identifiziert haben«, so Josef Grillmeier: »Farben – Typografie – Umgang mit Schrift.«

 

 

oberwiesenfeld | Foto: design stauss grillmeier

Stauss Grillmeier haben Gassen eingeführt, sie alphabetisch durchdefiniert und zusätzlich eine Hausnummernordnung eingefügt. An die Stelle der damaligen Einteilung in Gruppen und Viertel, in der man sich nur schwer orientieren konnte, ist nun ein System getreten, wo jedes einzelne Haus leicht zu finden ist. Als zentrale Farben fungieren ein Mittelblau für die Türen und eine positive frische Farbe, ein helles Grün, das für die Beschilderung gewählt wurde. Ein farbiges Leit- und Orientierungssystem also in den Olympiafarben von damals, das sich nun schon seit 2010 bewährt. Die Bewohner dürfen, so das demokratische Konzept schon der alten Studentensiedlung, ihre Häuser selbst bemalen, wovon auch rege Gebrauch gemacht wird. Das Beschilderungssystem der Designer bleibt jedoch bislang unangetastet, was, so Kilian Stauss, wohl bedeutet, dass es angenommen wird und funktioniert. Fast zu bescheiden halten sich die Designer, die hier hervorragende Arbeit geleistet haben, im Schatten der historischen Bedeutung des Objekts zurück. »Wir wollen nicht so sehr als Autoren kenntlich werden – Olympia war viel auffälliger, bunter, vielfältiger«, meint Stauss.

 

Aktuell sind Stauss Grillmeier noch mit der Aufgabe befasst, auch für das Studentenhochhaus sowie die Alte Mensa, einem multifunktionalen Gebäude im Zentrum des olympischen Dorfes, ein Orientierungssystem zu erarbeiten. Und damit nicht genug: »Übergeordnet machen wir auch noch das gesamte Leit- und Orientierungssystem für das ganze Gelände – das ist etwas, was es historisch nie gegeben hat«, betont Stauss. Dem Designbüro kommt hier eine verantwortungsvolle Gestaltungsaufgabe zu, die im Grenzbereich zwischen Design und Architektur liegt.

 

Auch wenn dieses Beispiel nur ein Ausschnitt einer riesigen Palette ist – es zeigt, welchen Anforderungen Design zunehmend stärker gewachsen sein muss. Kilian Stauss: »Unsere Welt ist schnelllebiger und komplexer geworden: Wenn ich heute irgendwo aus einem Flugzeug aussteige, komme ich in eine fremde Welt, und in der muss ich mich zurechtfinden, das gelingt nicht mehr allein durch Erfahrung und Instinkt, sondern ich brauche eine Hilfe, um zurechtzukommen. Das gilt heute auch für viele Geräte, etwa für ein iPhone, oder für Behörden etc. – all das braucht Design als Orientierungswerkzeug.« Der Designer als Dolmetscher unserer komplexer und komplizierter werdenden Welt? Design als hilfreiche Zwischenkunst der Gestaltung, Vermittlung und Orientierung? Für Stauss Grillmeier trifft dies zu, wie das Beispiel des Olympiadorfes zeigt. Hier haben sie solch ein Orientierungswerkszeug in ansprechender Form geschaffen, haben als Vermittler – einmal mehr – das Komplexe ins Verständliche transformiert.

 

 

||design stauss grillmeier partnerschaft

arbeiten|works 1996–2012

Cherbuliez Productions, 2012 | 312 Seiten |

28 Euro | www.cherbuliez.com

www.stauss-grillmeier.com