Rahmfleckerl in Down Under

Foto © Sebastian Dickhaut
ANDREAS STRASSER
Ganz ohne Fernsehköche-Show und Rezepte auf der Videotext-Seite: Ideen für den Gaumen und kulinarisches Handwerk werden zunehmend im Netz präsentiert und debattiert.
Foodblogs, das sei Küchentratsch und Zeitvertreib für pensionierte Redakteure oder gut versorgte Hausfrauen. So harsch sprang Gastronomiekritiker und Journalist Wolfram Siebeck zu Beginn des vergangenen Jahres im Zeit-Magazin noch mit Foodbloggern um. In der Rückschau erscheint seine Schelte sonderbar, startete er doch nur ein halbes Jahr später ein neues Projekt: einen Foodblog.
Zwischen Journalisten und Bloggern herrscht bekanntlich kein gutes Verhältnis. Doch was auch Siebeck einsehen musste: Bloggen ist die Kommunikationsform der Stunde. Und Foodblogs treffen den aktuellen Geschmack der Netzgemeinde. Ihre Zahl ist inzwischen stark gestiegen: Es gibt so viele Foodbloogs wie Küchen, ob asiatisch, vegetarisch oder bayerisch – für jeden Geschmack ist etwas dabei.
Und weil Foodblogs derzeit stark im Aufwind begriffen sind, hat sie in diesem Jahr auch die Berliner Internetkonferenz »re:publica« zum Thema gemacht. Anfang Mai waren dort vier der wohl bekanntesten deutschen Foodblogger zu einer Podiumsdiskussion eingeladen: Stevan Paul (nutriculinary.de), Nicole Stich (deliciousdays.com), Inés Gutiérrez (vorspeisenplatte.de) und Sebastian Dickhaut (rettet-das-mittagessen.de) diskutierten dort unter dem herausfordernden Titel »Foodblogs – Verfall oder Rettung der Esskultur« über Urheberrecht, Werbung und die Schnittstelle zwischen Print und Online.
»So polemisch, wie es der Veranstaltungstitel nahelegte, ist es dann aber doch nicht zugegangen«, berichtet der Münchner Foodblogger Sebastian Dickhaut. Die »re:publica« behandle grundsätzlich eher politische Themen, die Foodblog-Veranstaltung habe hingegen Handfestes zur Sprache gebracht – es ging vor allem um Bloggen und Essen. Die Foodblogger waren auch ziemlich überrascht, dass zu ihrer Nischenveranstaltung fast fünfhundert Zuhörer erschienen – bei insgesamt 4000 Konferenzteilnehmern ist das allerhand.

Foto © Sebastian Dickhaut
Experten erklären sich die zunehmende Beliebtheit von Foodblogs damit, dass herkömmliche Formate wie TV-Köche oder Printmagazine an Bedeutung verlieren und Nutzer mehr am Geschehen teilhaben möchten. Das Fernsehen hat in den vergangenen Jahren versucht – mit Superstars wie Tim Mälzer, Johann Lafer oder Moderatoren wie Johannes B. Kerner –, Kochen zum Event machten. Und während sie nach Reichweite und Quoten schauten, wurde der Kern der Angelegenheit aus dem Auge verloren: das Essen. Der TV-Trend Kochen verlagert sich ins Internet. Denn dort findet kein Frontalunterricht statt. Foodblogs verstehen sich vielmehr als Debattierclub, dessen Mitglieder in den Kommentaren über Zutaten, Temperaturen oder Küchenwerkzeug diskutieren.
Das Spektrum der Foodblogs reicht inzwischen von der amateurhaften Handykamera-Optik bis zu hochwertigem Foodstyling, von Hausfrauenlyrik bis zu geschliffenem Journalismus. Doch was macht ein gutes Blog aus? Sebastian Dickhaut sieht es so: »Ein gutes Blog lebt in erster Linie von einer Persönlichkeit mit Biss, die engagiert ist und regelmäßig schreibt.« Das Optische spiele natürlich auch eine große Rolle, denn ein Blogger, der appetitanregende Bilder auf sein Blog stellt, wird sicherlich häufiger gelesen als einer, der mit Blitzlicht fotografiert. Im Zweifelsfall sollte man sich aber besser auf einen guten Text konzentrieren als auf ein allzu aufwendiges Layout. Und, so Dickhaut, das Persönliche spiele eine tragende Rolle. Denn ein Blogger ermöglicht dem Leser direkten Einblick in seine Küche am anderen Ende Deutschlands.
Das Münchener Foodblog »Delicious Days« fand auf diese Weise sogar weltweite Beachtung. Das US-amerikanische Time Magazin« hat es 2006 in die Liste der 50 besten Blogs der Welt aufgenommen – eine sehr hohe Auszeichnung für ein Privatblog. Das war natürlich nur möglich, weil das Foodblog auf Englisch geschrieben ist. Für Nicole Stich, die Macherin von »Delicious Days«, kam keine andere Sprache infrage, denn was zähle, sei der Community-Aspekt. Stichs Leser sitzen nicht nur in München und Deutschland, sondern zwischen Sydney und Ohio, wo sie gespannt darauf warten, was die Bloggerin von ihren Streifzügen über den Viktualienmarkt mitgebracht hat. Angeblich werden auch bayerische Schmankerl wie Rahmfleckerl in Down Under unerschrocken nachgekocht.

Foto © Sebastian Dickhaut
»Alles, was zum Essen anregt, ist doch gut«, sagt Dickhaut. Spielt es da noch eine Rolle, ob Profis oder Amateure über Essen schreiben? Lange Zeit waren Journalisten, Gastronomiekritiker und Lektoren diejenigen, die entschieden haben, was veröffentlicht wird und was nicht. Daher beäugen sie die Blogosphäre nun kritisch. Doch Amateurschreiber und Profis rücken immer näher zusammen. Für den gelernten Koch Dickhaut bedeuten Foodblogs keinen Verfall der Esskultur, sondern eine Bereicherung. Und über Geschmack lässt sich bekanntlich nur schwer streiten: »Was also schmeckt und gefällt, entscheiden die Leser schlussendlich selbst.«
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